Re:publica TEN und das radikal Gute.

Die zehnte Ausgabe (und meine achte Republica) war, wie Thomas Knüwer schon geschrieben hat, die aktuellste. Dennoch sind die Themen die mir besonders wichtig erschienen etwas anders verteilt als beim geschätzten Mr. Knüwer. Hier also meine Highlights.

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Zwei Ankerpunkte für die gedankliche Hängematte: Pflock links

Ausgerechnet zwei der am schlechtesten vorgetragenen Themen haben mir die Grundströmung in der vernetzen globalen Gesellschaft am eindrücklichsten vorgeführt. Dies war an erster Stelle „The Art of Revolt“ von Geoffroy de Lagasnerie, der sein schlechtes Englisch entschuldigte und daraufhin kurzerhand seinen Text an die Wand projizieren liess und ihn gleichzeitig ablas. Wie sich bei der Beantwortung der Fragen im Anschluss herausstellte, war dies unnötig. Aber egal, der Inhalt zählte, wenn man sich dazu zwingen konnte zuzuhören. Ihm ging es darum die Aktionen von Assange, Snowdon und Manning aus dem Kontext des zivilen Ungehorsam heraus zu lösen und als etwas anderes, etwas neues zu betrachten. Ziviler Ungehorsam ist ihm zufolge eine Form des Widerstands, der sich mit einem kulturell bedingten Wertesystem identifiziert, deren Werte in einem (kon-)temporären Regime aber verletzt werden, welchem sich der Widerständler  entgegen stellt. Soweit würde es auch noch für die oben genannten Whistleblower gelten. Entscheidend ist für Lagasnerie aber, dass ziviler Ungehorsam darauf abzielt im Land zu bleiben, sich dort verhaften und bestrafen zu lassen, d.h. demonstrativ nicht das Setting des Nationalstaats zu verlassen.

Durch den Akt der Flucht und die gewissermassen selbstgewählte Staatenlosigkeit von Snowdon und Assange (poor Mr. Manning wurde noch in A-Stan gefasst, wie man im GI-Jargon zu sagen pflegt), haben diese sich einer überstaatlichen Idee der Demokratie und Transparenz verpflichtet. Dies hat wesentlich mit dem Internet zu tun und ist mit diesem in dieser neuesten Auflage des post-,trans- oder übernationalen ursächlich und perspektivisch untrennbar verwoben. Dazu passend erschien mir Michael Seemann´s Vortrag zur „Netzinnenpolitik“, der eine Weiterentwicklung seiner Idee der Plattformdemokratie sein soll. Seemann denkt in einen Möglichkeitsraum hinein, in dem nicht-staatliche Plattformbetreiber (google, Facebook etc) und Staaten und Allianzen Zusammen wirken, wobei die einen demokratischer werden (müssen) und die anderen schneller, zugänglicher und kleinteiliger in ihren Informations- und Entscheidungsmechanismen.

Pflock rechts

Der zweite Vortrag war weitaus konfuser, aber auch ein Abbild der vielen Player und des erst beginnenden Verständnisses dessen was Blockchains für demokratische Prozesse und viele andere ernste Bereiche der bestehenden Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten könnten. In ihrem Vortrag „The Blockchain: a crash course and challenging consensus“ schwindelten sich Elias Haase und Jaya Klara Brekke durch eine dreiviertel Stunde ohne jemals den Verdacht aufkommen zu lassen, sie hätten auch nur eine dreiviertel Minute auf die Vorbereitung verschwendet. Trotzdem.

Erfreulicherweise war Bitcoin dabei nur ein Randthema, was schon viel zu lange vom Potential von Blockchains ablenken durfte. Bringt man nun den ersten Themenkomplex einer Wertegemeinschaft im post-nationalstaatlichen Rahmen mit den notwendigen Governanceaufgaben in einer hyperkomplexen Welt zusammen, sind solche techno-sozialen Muster wie Blockchains mutmachend und spannendes Material für Gedankenexperimente. Diese beiden thematischen Highlights haben wie zwei Pole alles andere auf der Republica für mich verortet.

Obwohl Richard Sennett über offene und geschlossene Systeme sprach, schaffte es sein Vortrag nicht weit genug in die Zukunft vorzustossen und überhaupt Systemtheorie so zu operationalisieren, das man damit eine Hängebrücke hätte bauen können zwischen Lagasnerie und den Blockchains. Michael Seemann hätte die Chance gehabt, aber er blieb bei Hobbes und Locke, wo er auch zu Luhmann und Hayek hätte vorstossen können. Nächstes mal, hoffe ich, ist es soweit.

„Man kann die Bibel nur wörtlich nehmen, oder ernst. Beides zugleich geht nicht.“

habe ich von Pinchas Lapide vor bald zwanzig Jahren zu hören bekommen. Ausgerechnet unter dem Deckmantel der „Content Moderation“ fand sich bei der rpTEN dann eine ganz frische Variante der Instrumentalisierung eines Glaubens.

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Der Themenblock zur Müllabfuhr des Internets, in Silikon Valley oder auf den Philippinen hat für mich auch eine Leerstelle im Content Kosmos gefüllt. Thomas Knüwer hat auch diese Vorträge hier unter dem sinnfälligen Titel „Digitale Sweatshops“ schon gut zusammengefasst. Dem muss ich noch hinzufügen, dass Bibelstellen den Vorgang der Müllabfuhr im Sinne der Schuldaufsichnahme in einem ganz wörtlichen Sinne für gläubige katholische Filipinos sinnhaft erscheinen lassen. Die Bilder die Moritz Riesewieck hier gewählt hat, die katholischen Sprüche auf seinen im Superdry-Style daherkommenden flilipinischen Jugendklamotten und seine unechte Selbstkasteiung vor dem Hintergrund der echten, war teilweise dick aufgetragen und nicht leicht auszuhalten, aber auch alles andere als plump. Ich habe mich bei der Abschlussparty noch einmal bedankt.

Danke is an „OK“-word

Überhaupt war für mich „Danke“ sagen ein kleiner anthropologischer Feldversuch. Ob bei Herrn Riesewieck, oder bei der aus der Ferne so kühl-logischen und aus der Nähe so sprühend-lebendigen Carolin Emcke (die ich dabei gleich nach ihrer Haltung zu dem Radikal Bösen bei Kant und Arendt fragen konnte, Fluch oder Segen für die Ursachenforschung in Sachen Hass?), bei Mark Surman für seinen Mut einen Gutteil seines Vortrags damit zu verbringen die Wurzeln der Nordamerikanischen Umweltbewegung und ihrer Protagonisten (Harold Innis, Thoreau etc.) zu beschreiben, um dann einen Bogen zur Bewegung hin zu einem offenen Internet zu spannen, oder schliesslich bei Tanja und Johnny Häusler für Alles. Mir hat es Spaß gemacht und die Empfänger haben mir erfreut-verblüffte Gesichter geschenkt. It could have turned out much much worse.

Achtung: die Avec-Culotte der Deutungsschlacht haben heute sehr schlecht geschlafen!

Die Republica muss sich jedes Jahr wieder belächeln lassen, bekommt ihr Fett in den sogenanten Leitmedien mit, aber tatsächlich erzählt jeder der mir bekannten Journalisten, dass er sich kaum etwas angehört hat und vor allem draußen „zum networken“ herumgehangen hat. OK, die von der Süddeutschen sagen nicht „networken“, aber es bleibt beim selben. Ich nehme an, man lernt eine töfte Begründung in der Journalistenschule dafür nicht Vorträgen von egal wem zu lauschen. Aber es fällt eben doch immer wieder auf, was Thomas Fischer nur für das Strafrecht beklagt: Journalisten haben erschreckend wenig Ahnung, sind erschreckend wenig bereit das zu ändern und geniessen dafür immer noch viel zu viel Vertrauen.

Keep Calm and sign up for rp17

In jedem mir intim bekannten Wissens- oder Erfahrungsbereich staune ich immer wieder über die konstanten Fehlleistungen selbst von Fachjournalisten. Also nicht nervös machen lassen liebe Republica, man spürt auch bei 8000 Besuchern auf 3ha Fläche und 17 Bühnen immer noch Euer eigenes Erstaunen, die kindliche Freude und eine gesunde Naivität die an diesem Schnittpunkt von Technik und Gesellschaft immer noch alles für möglich und ausdenkenswert hält. Das ist der Nährboden, der diese grosse Vielfalt erst ermöglicht und den solltet ihr Euch von niemand verderben lassen. Wem das zu wenig arriviert ist, der soll doch zur VdI Jahrestagung gehen, da gibt’s auch Bier.

Die Via Dolorosa des Thomas Fischer

Zurück zu Thomas Fischer, der den Mitleidspreis für seine mühevolle Existenz als Jabba the Hut des deutschen Rechtssystems, seine Powerpoint-Disposition und das Leiden an der allgemeinen Ignoranz gegenüber seinem Fachgebiet ins Mikro säuselte. Sein großer Moment kam erst, als nach seinem Text ein Publikumsmitglied nach der „Nein heisst Nein“ Verschärfung des Sexualstrafrechts fragte und warum der als progressiv bekannte Herr Fischer hier nicht mitzöge. Fischer tat sich anfangs schwer, mauerte erst ein bisschen, bis ein nützlicher Idiot einen Zwischenruf beisteuerte. Dann drehte die MS Fischer bei und versenkte in aller Ruhe etwaige Ambitionen jedes Laien im Publikum jemals wieder präpotenten Mist über Recht und Rechtsprechung von sich zu geben. Viel Spass ab 28:50 mit der Frage und Fischers ab 31:30 einsetzender Vehemenz.

Michi trumps Eben.

Eben Moglen und Michi Chowdhary traten übrigens auch in einem sehr anderen Rechtsverständnis auf. Ich bin jetzt ein Fan von Michi und sollte ich mal wieder einen tanzenden Rechtsprofessor mit ohne stringenter Logik hören wollen, suche und finde ich Mr. Moglen in der Nähe lachsfarbener Krawattenausgabestellen. Good to know Eben.

Auch noch erwähnenswert: Daniel Werner’s Vortrag zur Landwirtschaft 4.0. Unglaublich und sehr erfreulich wie weit die technische Weiterentwicklung hier schon ist und bald sein wird. Mr. Werner verstand es das Publikum beim landwirtschaftlichen Normalnull der Stadtbevölkerung abzuholen. Für alle Tesla-Model-3-Sparer: Autonomes Fahren kennt jeder Ackerbauer seit Jahren.

Nicht singen beim schwimmen Mr Lobo.

Sascha Lobo, dessen Sprachwitz ich mich nicht schäme zu bewundern, war auch wieder da. Gleichzeitig spielte Friedrich Liechtenstein zwei Hallen weiter und so wie die Bühne für den gepresst runtergeballerten Vortrag Lobos mit einem doch recht verzweifelten Aufruf zum kollektiven #Trotzdem viel zu gross schien, so war Liechtensteins Bühne viel zu klein. Die beiden sollten zusammen auftreten, mehr Delta-Groove und Sonnenbrillen-Mojo für Lobo und mehr Aktualität und Inhalt für Liechtenstein. Picture this: smashing Anzüge für Lobo, mehr Frisurness für Friedrich. Trotzdem: „Nicht Singen beim Schwimmen“ war groß, Mr Liechtenstein.

Und ausserdem

VR habe ich ausprobiert, das war toll. Wobei der neue Gebäudeteil war noch toller als VR. Verpflegung war auch besser. Die neue Fläche hintenraus Richtung Gleispark war gut, aber der Sand war tatsächlich Staub. Raclettegate hat offenbar viele bewegt, ich habe es nur gerochen, fand den Schweissgeruch im Dome aber noch viel ekliger.

Gunther Dueck war wie immer total brav, total matheprofessormäßig und anscheinend sooo sympathisch mit seinem Middle-Management- und Business-English-Bashing. Nach der soundsovielten R:ede erscheint aber auch „Wilddueck“ eher als frozen duck: auch er nur ein resigniert fuchtelnder Deutscher, der sich für schlauer als alle anderen hält und dafür sehr wenige Ideen und Antworten produziert. Dieses mal war der Cargolkult in vielen Aspekten das Thema, einschließlich der Erkenntnis, dass dem Vortrag lauschen und hinterher nichts tun auch einer sei. Mr. Duecks einziger für mich erkennbarer Ansatz war, dass Talent, Fleiss und Taktik ausschlaggebend seien für die Erfolgsaussichten beliebiger Projekte. Davon sind anderthalb nicht erlernbar, der o.g. Cargolkult also automatisch eine „self-fulfilling prophecy“. Kurzum, wir haben mittelviel gelacht und dann was anderes gemacht.

Schlussendlich: die Party am letzten Abend hatte musikalisch mit Roxanne de Bastion und the Incredible Herrengedeck original Berliner Töne zu bieten, die viel Spass gemacht haben.

Danke Euch allen, wir sehen uns nächstes Jahr. Oder vielleicht sogar schon in Dublin. Wenn sich’s ausgeht Mr. Kalender.

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