Warum ich nicht mehr über COVID-19 und das alles diskutieren mag

„Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden.“

Niklas Luhmann, Aufsätze und Reden, 2001, Herausgegeben von Oliver Jahraus. Stuttgart, S.78


Nach der anfänglichen Euphorie die die Gelegenheit Gutes tun zu können bedeutete, nachdem die erste Welle leicht zu widerlegender Wiedersprüche abgeebbt war, nachdem die Corona-Krise erst so richtig angekommen war, wurden jeden Tag neue Abgründe sichtbar. Und ich denke wir sind erst ganz am Anfang dieser Entdeckungsreise in die Tiefe. The worst ist yet to come.

Jedenfalls in meinem digital-vermittelten, aber auch persönlichen Umfeld braucht es nur einen „Hop“ und schon ist man mitten drin. Bill Gates, 5G, Impfgegner, WHO, wer und was auch immer wird eingebaut in ein Weltbild dass vorn und hinten nicht passt. Da ist die Rede von „die da oben“, „die Chinesen“ (ein lachhafter Begriff für ein einskommairgendwasmilliarden Konglomerat von Kulturen und Landstrichen). Heute las ich „Italien hat bekannt gegeben (…)“. Liebe Leute, „Italien“ gibt nichts bekannt, weil es das nicht kann. Italien geht auch nicht schlafen oder tanzt Samba.

Und dann dieses Gefasel von „den Zahlen“, „den Daten“, „der einfachen Mathematik“, oder zur Abwechslung auch mal „dem Z-Faktor“. So als ob man 1. nur endlich gehört werden müsste als Durchblicker, damit dann, 2. sich die Gesellschaft (das dumme Ding) auch danach richten möge.

“When we try to pick out anything by itself, we find it hitched to everything else in the Universe.”

John Muir


Wie zum Teufel kann es jemand in ein so hohes Alter schaffen, dass er/sie einen Facebook oder twitter Account benutzt, ohne die kleinste Ahnung davon zu haben, wie Gesellschaften funktionieren – und wie nicht? Wie soll ich mir nicht Sorgen darüber machen, dass meine Mitwähler Begriffe wie Komplexität und Kontingenz vielleicht nicht kennen, aber kein dumpfes Gefühl haben, dass ihre Welt von diesen konstituiert wird? Wie, beim Teutates, soll ich damit klar kommen, dass ich diesen Text schreibe, während mir klar ist, dass er vollkommen sinnlos ist? Und gleichzeitig erkennen muss, dass das nicht die übliche Selbsteinschätzung ist oder sein kann.

„Lebewesen leben einzeln, leben als strukturdeterminierte Systeme. So gesehen ist es ein konstellationsbedingter Zufall, wenn das eine, obwohl es tut, was es tut, dem anderen nützen kann.“

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1997, S. 193


Warnhinweis: das möchte ich jetzt keinesfalls als Hoffnungsschimmer missverstanden wissen!!

Jedenfalls, liebe Windbeutel, wenn Gesellschaften linear auf Fakten reagieren würden, wieso gibt es dann eine Diskussion über Homöopathie, wieso ist Donald Trump Präsident, wieso haben wir das Geld aus den CumEx-Geschäften nicht zurück geholt oder den „Full take“ abgestellt. Genau, weil Gesellschaften Systeme sind und also reagieren sie nicht linear. Euer Gefasel ist nur Teil vom großen Rauschen und kann niemals mehr sein als das. So wie meins übrigens. Get used to it.

John Searle hat einmal über Richard Rorty folgendes geschrieben: „Galileo claimed to have discovered, by astronomical observation through a telescope, that Copernicus was right that the earth revolved around the sun. [Cardinal] Bellarmine claimed that he could not be right because his view ran counter to the Bible. Rorty says, astoundingly, that Bellarmine’s argument was just as good as Galileo’s. It is just that the rhetoric of „science“ had not at that time been formed as part of the culture of Europe. We have now accepted the rhetoric of „science,“ he writes, but it is not more objective or rational than Cardinal Bellarmine’s explicitly dogmatic Catholic views. According to Rorty, there is no fact of the matter about who was right because there are no absolute facts about what justifies what. Bellarmine and Galileo, in his view, just had different epistemic systems.

(John Searle, „Why Should You Believe It?“, The New York Review of Books, 24 September 2009)

Das, liebe Freunde der Sonne, ist es was klares Denken ausmacht: die Bedingungen unter denen man Dinge richtig oder falsch findet wenigstens zu erkennen, wenn man hinsieht. Sonst unterscheidet man sich nicht von den Flat Earthern. Man muss zudem wissen wollen um des Wissens willen, alles andere hat nichts mit Wissenschaft zu tun und daher auch nichts mit Erkenntnis. Sondern mit Kompensation, Ambition, Adapation und vielen anderen Reaktionsarten auf die Welt.

“Mein wissenschaftliches Werk ist begründet in einem unwiderstehlichen Verlangen, die Geheimnisse der Natur zu verstehen, und durch keine anderen Gefühle.”

Albert Einstein


Und jetzt zur Mathematik. Wir haben hier ein System mit zig Unbekannten und diversen Korrelationen. Die mathematische Beschreibung unserer COVID-19-Wirklichkeit, wenn man sie nur auf die bekannten und messbaren Einflussgrößen beziehen würde, wäre so komplex, dass wir sie mit keinem unserer verfügbaren Rechnernetze oder Supercomputer simulieren könnten. Und dass nur für den Fall, dass wir die Daten hätten. Haben wir aber nicht. Wir können versuchen Muster in den vorhandenen Daten zu erkennen oder gar aus diesen Trends abzuleiten, aber kein Statistiker würde oder hat dies ohne diverse Einschübe und Caveats in dieser (oder jeder anderen vergleichbaren Datenlage) getan. Es wäre auch sagenhaft dämlich. Aber eine Schar von Googlisten und Wochenend-Virologen bastelt sich daraus Argumente und überhört einfach alle Mahnungen zur Vorsicht beim Umgang mit dieser Datenlage. Es gilt immer noch: wer sich seiner Sache sicher ist, hat meistens unrecht.

„Be Hard on Your Opinions.We must think critically, and not just about the ideas of others. Be hard on your beliefs. Take them out onto the veranda and beat them with a cricket bat.“

Tim Minchin, UWA commencement address


So erfreulich es ist, dass sie eine e-Funktion zusammenbasteln können, so wäre es an anderen Stellen doch nützlicher gewesen. Zb. als es um die sog. Flüchtlingskrise gegangen ist und die Zahlen für den Arbeitsmarkt gesichert waren. Oder im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe, wo ja auch mal eine kleine Umweltsünde mathematisch einfach auf magische Weise verschwindet, wenn sie einem nicht in die Urlaubsplanung passt.

Und so stehen dann am Ende Warner und Mahner als Bremser und Betrüger da, weil sie in einer unklaren Lage entsprechend diffus bleiben. Eine undankbare Rolle wenn man es mit Leuten zu tun hat, die harte Fakten eben selbst schmieden, wenn sie nicht vorhanden sind. Dabei ist doch klar, dass man in einer unsicheren Lage vorsichtig zu sein hat. Eine andere Gruppe mit Aufmerksamkeitsdefizit hinkt den einfachsten Botschaften hinterher und winkt ermüdet ab. Noch immer lese ich Kommentare zum Thema Masken und dass die ja nicht helfen würde. „ja Dir nicht, du taube Nuss, aber den anderen!“ möchte man still rufen. Aber was kann es noch nützen etwas zu rufen dass schon so laut gerufen wurde? Ist es nicht überdeutlich, dass Kommunikation unmöglich geworden ist untern den Uneinigen und den ungleich Hörenden?

Dieses Pandämonium ist unser Normalzustand, er fällt nur normalerweise nicht so auf, weil sich viele nicht zu Wort melden, die jetzt die ganze Leere ihrer systemtheoretischen Ignoranz ausbreiten.

Mit anderen Worten: es ist völlig irrelevant ob Prof. Drosten, Dr. Fauci, Donald Trump, McGyver, Mireille Matthieu oder irgendein weiterer erbärmlicher Facebook-Rechthabertroll recht hat. Gesellschaften interessieren sich nicht dafür wer recht hat oder was recht ist. Sie können das gar nicht, weil es so etwas wie „recht haben“ in einer Gesellschaft nicht gibt. Lernt das endlich mal, es wird euch jeden einzelnen Tag in dem aufwändigsten Theaterstück jemals vorgeführt.

“My words fly up, my thoughts remain below. Words without thoughts never to heaven go.”

Hamlet, III. Akt, 3. SzeneJ


Eben weil es auch nichts nützt und weil nach jedem Argument und Gegenargument ein gänzlich anderes hervor gezaubert wird, so lebendig wie ein tausendmal überfahrenes Kaninchen, deshalb halte ich mich raus. Jedenfalls meistens und praktisch. Theoretisch ist raushalten ja auch eine Einmischung und dieser Beitrag ohnehin eine Wortmeldung, egal wie ich sie verstanden wissen möchte. Vielleicht geht es auch eher um Absonderung, denn ehrlich gesagt, brauche ich nicht noch ein Ken.fm Video, einen Link „zu diesem Hamburger Pathologen“ oder jenem „unangefochtenen weltweiten Statistik-Experten“. Es ist sinnlos sich über Indiskutables auszutauschen, weil es das schon immer war. Es war nur bisher nicht so wichtig. Packen wir es (nicht) an.

ich bin das was, was so geregelt wird, dass es sich für eine ausnahme hält.

F.J. Czernin 1992


Der deutsche Philosoph Siegfried J. Schmidt schrieb 1994 in „Kognitive Autonomie und soziale Orientierung“: „Differenzierungsprozesse lassen sich auch an der technischen Entwicklung von Medien und damit verbundenen Veränderungen von Nutzungsverhalten beobachten.“ Und bezog sich damals auf Spartenprogramme in Radio und Fernsehen und diverse neue Geräte, wie den Walkman. Nun ereilt uns das vorerst jüngste Extremum einer noch sehr viel zerfaserteren Medienlandschaft, die eben auch unsere Gesellschaft mit zerfasert. Dabei treten noch weitere Effekte auf, die wir heute nur bestätigen können. Unter dem Überbegriff der „Dehierachisierung kultureller Praxisformen“ versteht er „Die Massenmedien (…) führen zu einer Aufweichung der traditionell festgeprägten Unterscheidungen in hohe und niedrige Kultur, Wesentliches und Oberflächliches, guten und schlechten Geschmack. Je nach verfügbarem „kulturellem Kapital“ (Sensu Bourdieu) genießen Gruppen Medienangebote und produzieren anhand ihrer Wahrnehmungen Bedeutungen, die ihre eigenen Interessen ausdrücken und fördern. (…) Kultur wird (…) als Markt von spezialisierten Sinnwelten organisiert.“

Nun treffen die Konsumenten und Produzenten dieser Sinnwelten in den sozialen Medien teilweise wieder aufeinander und sind überrascht, erbost und verletzt von der Unvereinbarkeit ihrer Spezialisierungen. Das Vertrauen in die Institutionen und die Gesellschaft schwindet, die Anderen sind zu anders geworden, oder man selbst zu besonders. „De Leit wern oawei bläda“ hat eine nette Dame in der Zulassungsstelle kürzlich zu mir gesagt, nachdem sie mit meinem Vorgängerkunden offenbar unglücklich war. Ich glaube sie hatte unrecht. Die Menschen werden nicht (noch) dümmer, sie spezialisieren sich und verlieren den gemeinsamen kulturellen Kontext, der „common ground“ schwindet, bis er nur noch in den eigenen „Sinnwelten“ vorgefunden werden kann. Spätestens dann ist ein gemeinsames politisches Handeln unmöglich geworden, wenn es kein gemeinsames Werte- und Wirklichkeitsverständnis mehr geben kann.

“I think that the task of philosophy is not to provide answers, but to show how the way we perceive a problem can be itself part of a problem.”

Slavoj Žižek


Wenn sonst nichts mehr bleibt, bleibt immer noch der Akzelerationismus. Darin liegt seine ganze Eleganz, eben den Untergang als Utopie zu verkaufen. Kein schlechter Trick, muss man sagen.

rp19: Widerstand gegen die Postmoderne

Nach einem Jahr Abstinenz (ich musste Radfahren gehen), war ich dieses Jahr endlich wieder auf der re:publica! Dies war damit mein 10. Besuch.

Als Erstes hätte ich die re:publica in die Backe kneifen sollen und sagen „Menschenskind, bist Du aber groß geworden!“. Aber niemand sagt mehr „Menschenskind“ und die re:publica war schon länger gefühlt genau so groß. Es sind dieses mal auch neue Areale mit dem Technikmuseum dazu gekommen, aber, um es gleich vorweg zu nehmen, bis dahin bin ich nicht gekommen.

Weiterlesen

re:publica 2017: Meine High- und Lowlights

Die rp17 ist leider schon wieder vorbei. Wie jedes Jahr lese ich mit Wehmut die Berichte anderer Teilnehmer und bedaure soundsooft anscheinend im falschen Talk gesessen zu haben. Bis ich dann meine Liste durchgehe und feststelle, dass doch auch ein paar Perlen dabei gewesen sind. Wer also in den anderen war, oder überhaupt nicht da, dem seien die folgenden Vorträge empfohlen.

Weiterlesen

Petitionier Dich glücklich

Keiner will Krieg, ich auch nicht. Aber es gibt eine Reihe von wichtigen Punkten hierzu zu sagen, die mir schon länger auf dem Herzen liegen.

1. Online Petitionen sind das moderne Äquivalent zum Rosenkranz beten
Sie nützen dem Betreiber der Plattform, aber bewirken politisch so gut wie nie etwas. Dann lieber demonstrieren gehen…
Die Stimmungslage zu dem Einsatz der Bundeswehr ist allen politischen Parteien durch diverse Umfragen mehr als klar. Das heisst nicht, dass ich irgendwen davon abhalten will Petitionen dagegen zu unterschreiben, ich möchte nur deren Sinn in Frage stellen.

Weiterlesen

Politikfolgenabschätzung am Beispiel der HOAI

Seit den Sechziger Jahren haben sich die Systemwissenschaftler mit der Erforschung der Messung von Veränderungen in komplexen Systemen beschäftigt, letztendlich mit dem Ziel die Vorhersagequalität zu verbessern. Mit „Systemen“ können biologische Organismen oder ganze Biotope gemeint sein, aber einige mutige, wie Stafford Beer oder Norbert Wiener, versuchten die Anwendung eines generellen Modells „lebensfähiger“ Systeme auf Wirtschaft und Gesellschaft. Und obwohl es in Deutschland ein seit 40 Jahren bestehendes „Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalsyse“ gibt, dass die Bundesregierung berät und allgemein lesbares und gutes Material produziert, gibt es keine Institution, die die Aufgabe hat, die Folgen der Entscheidungen der Legislative systemtheoretisch zu erfassen, zu simulieren oder gar vorherzusagen. Weiterlesen

Wege aus der Vertrauenskrise des Internets.

Für Menschen wie mich, die ihre erste E-Mail Adresse in den frühen Neunzigern bekommen haben, war das Internet so etwas wie eine Freiheitsmaschine. Die nächsten zwanzig Jahre vergingen wie im Rausch und das Internet schien wie eine späte Eingebung der Vordenker bürgerlicher Freiheit. Es ist unbestritten, dass das Internet aufgrund seiner Infrastruktur immer schon theoretisch ein feuchter Traum der Geheimdienste war. Nur hielt es unter den Experten kaum jemand für denkbar, dass irgendein Staat sich den „full take“ sicherheitstechnisch und finanziell leisten kann.

Man sollte sich fundamental täuschen.

Weiterlesen

The spy who loved us

„He’s CIA“ my dad used to say. Adding „he saved me from bankruptcy in Africa“ without much of a break. It was hard to believe that this least clandestine, very tall and friendly person would be a spy. But if secret operations of the seventies mainly entailed living in the penthouse and sipping champaign, he was certainly their grand master.

Weiterlesen

A very distant noise

„Today an airplane has crashed into a building in the USA and a school bus drove off a bridge in Uttar Pradesh. We shall pray for their souls in our evening Puja“ said his Holiness Drikung Kyabgön Chetsang, Lama of the Drikung Kyabgon-line. Our dinner party counted a number of tibetan monks, one nun of western decent and one US-american as we stood around the dinner table in the newly built annex to the monastery in Dhera Dun, India.
It was the 11th of September 2001.

Weiterlesen