Unter dem Motto „Never gonna give you up“ versammelte die Re:publica dieses Jahr den bunten Strauss des links-liberalen Aktivistenraums, um zu signalisieren worum es geht: wir dürfen nicht aufhören uns zu wehren. Gegen die neuen Formen und Formate des aufsteigenden Faschismus, gegen systematische Verblödung, gegen Rückschritte bei den Bürgerrechten und der Gleichstellung. Und am Rande ging es auch um Digitale Souveränität Europas, als eines der Gegenmittel.
Stand der Dinge: Augenringe
Was ist denn nun unter all den schlimmen Dingen das Schlimmste? Für Demokratie und die Freiheit, vermutlich tatsächlich die Konzentration der Medienmacht in den Händen einiger superreicher Akteure, der sogenannten Broligarchen Musk, Zuckerberg, Vater und Sohn Ellison, Thiel und anderen. Wenn man verstehen will was da los ist und nur die Aufmerksamkeitsspanne für ein Video aufbringt, dann sollte es dieses hier sein:
Prof. Francesca Bria hat gemeinsam mit Kolleg:innen das Projekt „The Authoritarian Stack“ ins Leben gerufen, gefördert von der Friedrich-Ebert-Stiftung (Future of Work). Das Projekt umfasst eine kürzlich veröffentlichte Datenbank sowie einen Online-Report (siehe https://www.authoritarian-stack.info/) und legt dar, wie US-Technologiekonzerne inzwischen wie staatsähnliche Mächte agieren – sie schreiben die Regeln, gewinnen die Ausschreibungen und exportieren ihr Governance-Modell nach Europa. Beispielhaft stehen dafür Palantirs Verträge mit den Landespolizeien in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sowie die Partnerschaft von Anduril mit Rheinmetall bei der Drohnenentwicklung und der Entwicklung einer AI-Plattform. In dieser Form stellen solche Modelle eine unmittelbare Herausforderung für die demokratische Selbstregierung dar.
In ihrem Beitrag geht Francesca Bria der Frage nach, wie sich verhindern lässt, dass die digitale Abhängigkeit der EU in eine politische Abhängigkeit umschlägt – und zwar durch eine koordinierte Antwort, die gemeinwohlorientierte Technologie, offene Standards und demokratische Governance gezielt stärkt. Diese Frage gewinnt umso mehr an Dringlichkeit, als die US-Regierung mittlerweile offen illiberale Kräfte in Europa unterstützt – im Gleichschritt mit US-amerikanischen Tech-Akteuren.
En Detail
Etwas fokussierter zum Thema der Allmachtsbestrebungen der Tech Giganten wurde es noch bei der Journalistin Karen Hao, die die Zusammenhänge beleuchtet und zur Zeit einer der wesentlichen Autorinnen zum Thema mit ihrem Buch „Empire of AI“ ist.
Die Frage des Vortrages hat sich wohl schon jeder gestellt und die Antwort von Amlinger und Nachtwey ist einleuchtend. Menschen die ihre Aufstiegschancen als blockiert empfinden und das anderen, als konkurrierend empfundenen Gruppen anlasten, machen die herrschende rechtsstaatliche Ordnung verantwortlich. Amlinger und Nachtwey haben das untersucht und es gut aufbereitet.
Der jährliche Pflichttermin, um sich von Markus eine Zusammenfassung der Lage in Sachen digitale Rechtsordnung geben zu lassen. Auch er auf der Suche nach Hebeln, um die digitale Souveränität zu stützen.
Carsten Wildberger war schon letztes Jahr da, dieses Jahr gab es vor allem ein paar wesentliche Aussagen im Gespräch mit dem oben schon genannten Markus Beckedahl. Vor allem ein Bekenntnis zu europäischer Software und speziell Open Source Lösungen. Das ist mit Sicherheit die richtige Richtung und ich bin erleichtert, dass mit Wildberger einer den Job übernommen hat, zumal mit einem dafür geschaffenen Ministerium, der die Aufgabe inhaltlich versteht und anscheinend auch wirklich was zu Stande bringt.
Unterhaltungsmäßig dass Highlight dieses Jahr. Corey ist wie immer witzig, schnell und schmiedet Formulierungen wie ein MG.
Unglaublich cool gehaltener Vortrag einer jungen Politik-Influencerin, die eventuell den Code geknackt hat, wie man politisch wenig gebildete Menschen an komplexe Themen heranführen kann.
Deutsche Politik mit dem nun auf NGO-Seite aktiven Kühnert. Zwei klare Stimmen die sich mit sozialen Themen in Deutschland wirklich auskennen und die zentralen Fragen benennen.
Slobodian, Historiker und Erfolgsautor zum Thema der Muskschen Beeinflussungsmaschine. Wer noch nicht verstanden hat worum es geht und wie das funktioniert, Slobodian erklärt es.
Carole Cadwalladr im Gespräch mit Geraldine de Bastion, die ehemalige Guardian/The Observer Journalistin wurde mit ruinösen Schadensersatzklagen nach der Cambridge Analytica angegriffen. Enttäuschenderweise entpuppte sich die Guardian-Gruppe als wenig hilfreich, ehemals eine der Leuchtturm-Blätter des unabhängigen Journalismus. Cadwalladr beschreibt die Abläufe im Gespräch mit Geraldine de Bastion in einer erstaunlich fröhlichen Weise und mit dieser Energie hat sie selbst eine journalistische Plattform „the Nerve“ gegründet. Newsletter sehr empfohlen!
Es gibt zwei Wege aus der Abhängigkeit von digitalen Medien in der Hand einiger weniger Menschen, die Ziele verfolgen, die nichts mit einer freiheitlich-liberalen Grundordnung zu tun haben: 1. staatliche Intervention in der EU und auf der Ebene der europäischen Gemeinsschaft selbst. 2. Abkehr durch uns, die Konsumenten. Wie das geht und warum es sein muss, klärt Anna Lembke, sehenswert, insbesondere für Eltern.
Never gonna run around and desert you?
Die diesjährige Ausgabe war nicht allzu verflauscht, aber auch ohne große Kontroversen. Ich denke das ist in der aktuellen Lage weder erstaunlich noch schlimm. Es ist leicht sich in dieser katastrophalen Lage auf ein paar zentrale Probleme zu einigen. Das hat die Re:publica gemacht. Warum sie gleichzeitig mit lauter ehrenwerten Unternehmen und NGO’s ausgerechnet Google und Meta als Sponsoren zugelassen hat, ist mir allerdings ein komplettes Rätsel.
Nebenbei sind Tanja und Johnny Häusler aus dem Gründerteam aus der aktiven Geschäftsleitung ausgestiegen und konzentrieren sich fortan auf die parallel stattfindende TinCon. Johnny war für mich die Stimme der re:publica., ich habe sie dieses Jahr bereits vermisst. Allerdings denke ich, dass Andreas Gebhardt und Markus Beckedahl die wichtigste Konferenz ihrer Art im bekannten Stil weiterführen werden.